Mittwoch, 7. Dezember 2016

Bodhgaya

Bodhgaya

Am 28.11. 2016 gab es einen Streik der Verkehrsunternehmen in Westbengalen, das heißt, wir hatten keinen Bus nach Siliguri. Josef fand aber einen Taxifahrer, der uns und zwei Damen aus Spanien nach Siliguri bzw. uns zum Bahnhof 10 km außerhalb brachte. Der Preis war leider um ein Drittel höher als normal, wir waren trotzdem froh weiterzukommen,  da wir das Zugticket bereits gekauft und ein Hostel in Bodhgaya reserviert hatten. 
Unser Zugabteil war nicht besonders einladend. Im Vorjahr, als wir bei solchen Waggons vorbei gegangen waren, hatte Josef noch gesagt, dass er in solche vergitterten Gefängniswaggons nicht einsteigen würde, nun blieb ihm nichts anderes übrig, da alle AC Plätze schon längst ausverkauft waren. Ein indischer Student fragte uns, wie uns der Zug gefällt und ich wollte nicht zu unhöflich sein und meinte, die Waggons seinen halt alt. Er war dann echt ein bisschen enttäuscht und erklärte uns, dass der Zug aber trotzdem sehr gut sei. Naja, wir rumpelten dann über Nacht bis in die Nähe von Patna, wo wir mit drei Stunden Verspätung ankamen, fuhren danach mit einem Tuk-Tuk zum 15 km entfernten Bahnhof in Patna und von dort mit dem Zug nach Gaya. Dann ging es wieder mit einer Motorrikscha 20km nach Bodhgaya, wo wir um 09:00 ankamen.
Hier wohnten wir fünf Nächte im einfachen aber sauberen Beauty Guesthouse für € 11,-- pro Nacht.

Bodhgaya ist ein Ort im ärmsten Bundesstaat Indiens, Bihar. Das Müllproblem hier ist gewaltig. Überall liegt Abfall, die Kühe, Hunde und Schweine fressen in diesem Dreck, die Bäche sind vermüllt... .
Alkohol gibt es in ganz Bihar seit drei Monaten keinen mehr. Angeblich gab es große Probleme mit Betrunkenen und die neue Regierung hat nun ein striktes Verbot verhängt und droht bei Vergehen mit schweren Strafen. 

Bekannt ist in Bodhgaya besonders der Mahabodhi-Tempel Komplex, in dem ein Ableger des Bodhibaumes steht, unter dem Prinz Siddharta Gautama zur Erleuchtung gelangte und Buddha wurde.
Daneben gibt es in Bodhgaya viele Tempel, die von verschieden buddhistischen Gemeinden anderer Ländern in den jeweiligen Baustilen errichtet worden waren. 
Auf dem Weg zum Tempel und auf den Märkten sitzen und liegen unzählige Bettler. Die meisten sind total verkrüppelt - das Wort "behindert" kann die furchtbaren Beeinträchtigungen dieser Menschen nicht beschreiben. Auch viele Kinder betteln, womit ich ein besonderes Problem habe. Kindern gebe ich grundsätzlich nichts, höchstens ein Stück Obst. Zu leicht ist es, sie an die Bettelei zu gewöhnen und vom Besuch einer Schule abzuhalten. Natürlich weiß ich, dass viele extrem arm sind, aber Betteln ist kein Weg aus der Armut.  
Es gäbe angeblich Möglichkeiten an Unterstützung für die Ärmsten, aber dazu müssen Formulare ausgefüllte werden... und kaum einer der Bedürftigen kann lesen oder schreiben bzw. weiß, wohin er sich wenden müsste und korrupte Bedienstete scheffeln das dafür bestimmte Geld auf ihre eigenen Konten.
Ein möglicher Weg aus dieser furchtbaren Situation führt nur über Bildung. Es gibt öffentliche Schulen, aber die Lehrer an diesen Schulen sind angeblich völlig unmotiviert und Kontrollen sind keine vorhanden. 
Wir trafen zwei junge Männer, die für eine private Schule/Heim arbeiten, an der Kinder betreut werden, die keine Eltern mehr haben, die zum Teil auf dem Markt beim Betteln gefunden wurden.
Diese 26 Kinder zwischen 2 und 15 Jahren schlafen in dem gemieteten Haus, bekommen Essen, Kleidung und Betreuung und werden in öffentliche Schulen geschickt, um ein Zertifikat zu bekommen. Am Nachmittag werden sie zusätzlich von einem privaten Lehrer unterrichtet.
Wir waren zweimal dort, haben auch eine Stunde unterrichtet und mit den Kindern gespielt. Zusätzlich haben wir Geld und ein paar Kilo Obst gespendet. 
Angeblich bekommt diese Einrichtung, obwohl registriert, keine öffentliche Unterstützung und ist auf Spenden angewiesen. Ich habe mich bei Jugendlichen in einem Nachbarhaus erkundigt, ob das ein gutes Heim ist usw., trotzdem bleibt ein unsicheres Gefühl bei mir zurück. Zu viele Leute wollen Spenden für irgendwelche Einrichtungen und angeblich wandert ein großer Teil des Geldes in die Taschen dieser Leute. Vielleicht bin ich auch zu misstrauisch, aber es gibt so viele Varianten, wie Touristen abgezockt werden, dass ich niemandem mehr so richtig vertraue. Lieber ist mir, es gibt jemanden, der die Verwendung der Spenden überwacht, wie z.B. Alfred Mandl auf den Kap Verden. Dort kann ich Geld für einen bestimmten Zweck abgeben und Alfred überwacht die Verwendung und berichtet über die Fortschritte. Außerdem entfällt das "direkte Geben", das mir unangenehm ist. Ich mag es nicht, wenn jemand sich erniedrigen und für eine Kleinigkeit bei mir bedanken muss. 

Am Donnerstag fuhren wir mit einer Rikscha zur 22 km entfernten Mahakala-Höhle, in der Buddha sieben Jahre in Askese gelebt hatte, bevor er erkannte hatte, dass diese Lebensweise nicht den richtigen Weg zur Erleuchtung darstellt. Die Höhle liegt inmitten steiniger Hügel, etwa 15 Minuten zu Fuß von der Straße entfernt. Froh, nach der Rumpelei in der Rikscha ein paar Schritte zu Fuß gehen zu können, wurden wir gleich von mindesten acht Motorrädern empfangen, die uns unbedingt zur Höhle fahren wollten und es dauerte, bis wir endlich auch dem letzten Fahrer verständlich machen konnten, dass mit uns kein Geld zu verdienen sei. 
Wir waren zu dieser Zeit die einzigen Touristen und der schmale Weg hinauf war gesäumt mit verstümmelten, verkrüppelten, ausgehungerten Bettlern, Blinden... Sie saßen und lagen am Wegrand und streckten uns ihre langen, dürren Arme entgegen.  Es war ein grauenvoller Anblick, aber vollkommen unrealistisch, wie in einem Film. Wir haben schon etliche Länder bereist, in denen viel gebettelt wird, aber so etwas hatten wir noch nie erlebt. Ich fühlte mich hilflos und alleine. 
Ohne den tiefen Glauben der Leute an eine bessere Wiedergeburt die von gutem Karma abhängt, gäbe es hier sicher unendliche Gewalt und Verbrechen.

Am letzten Tag besuchten wir noch den Baum, unter dem Buddha nach seinem langen Aufenthalt in der Höhle eine Woche meditierte, bevor er nach Bodhgaya kam.
Es ist ein riesiger, wunderbarer Baum in schöner Umgebung, ruhig am Vormittag, voller Kinder, die mit Touristen plaudern, spielen und diese anbetteln wollen, am Nachmittag.
Auf der Rückfahrt besuchten wir noch einen großen, interessanten Wochenmarkt mit Obst, Gemüse, Ziegen, Fisch, Kleidung und vielem mehr für Einheimische.

Am 4.12. fuhren wir mit dem Zug (4 Stunden Verspätung wegen Nebels)  weiter nach Varanasi.




   





Unser Zugabteil
Josef vor den Gitterstäben






Mahabodhi - Tempel Komplex































Thai-Tempel






Müllprobleme







Alte Hindu-Tempel









Vor der Mahakala-Höhle



In der Höhle



Eine Schulklasse wird unterrichtet



Kinder in Bodhgaya
























Wochenmarkt





















Buddha-Tree










Dienstag, 29. November 2016

Indien 

Darjeeling 

Am 15. November 2016 flogen wir von Bangkok nach Kolkata (ehemals Kalkutta).

Josef hatte gelesen, dass in Indien über Nacht die 500 und 1000 Rupien-Scheine für ungültig erklärt worden waren. Mein Sitznachbar im Flugzeug, ein Inder aus Varanasi, zeigte mir am Handy wie der neue 500er aussieht. Einen neuen 1000er Schein soll es nicht mehr geben, dafür einen 2000er. Ich war der Meinung, das sei kein Problem, wir dürften uns halt keine alten Scheine andrehen lassen.
Was ich nicht wusste war, dass es noch keine neuen Scheine gibt und man am Bankomaten nur 2000 Rupien abheben kann (ca 27,- €), wofür wir zwischen 3 und 5 Euro Spesen bezahlen. Außerdem gibt es vor jedem Bankomaten, der nicht geschlossen ist (und das sind viele), lange Schlangen von Wartenden. Die meisten Banken sind immer noch geschlossen, Euro oder Dollar wechseln ist daher auch kaum möglich und wenn, dann ebenfalls nur im Gegenwert von ca 30,- €.
Das Ganze soll die Korruption bekämpfen, zur Zeit leiden vor allem die einfachen Menschen und die kleinen Geschäfte, trotzdem jammert bzw. schimpft niemand.

Als wir dann in Kolkata am Flughafen ankamen, waren wir noch überrascht, dass kein Bankomat Geld hatte. Gott sei Dank hatte uns mein Sitznachbar angeboten, uns in die Stadt mitzunehmen. Sein Fahrer brachte uns (eineinhalb Stunden Fahrt) direkt zum Hotel, für ein Taxi, das mit Rupien bezahlt werden muss, hätten wir echt kein Geld gehabt. Das Zimmer und das Abendessen konnten wir mit Kreditkarte bezahlen und am nächsten Morgen stellte sich Josef in die Warteschlange um wenigstens ein paar Rupien zu bekommen, damit wir die Fahrt zum Flughafen und danach die Fahrt nach Darjeeling bezahlen zu konnten. Seither stehen wir halt oft und lange in der Warteschlange, da man kaum etwas mit Kreditkarte bezahlen kann.

In Darjeeling (2150m) wohnten wir für vier Nächte im Dekeling Hotel mitten in der Stadt. Im Aufenthaltsraum gab es einen kleinen Holzofen und einige Zimmer (auch unseres) wurden ab 18:00 Uhr beheizt, ansonsten war es überall kalt. Da wir kaum Bargeld hatten, mussten wir im Hotel frühstücken und auch zu Abend essen, da wir hier mit Kreditkarte bezahlen konnten.
Einmal leisteten wir uns einen "High Tea" im Windamere-Hotel, ein "altes Kolonialhaus mit Charme". Wir bezahlten umgerechnet € 11,-- pro Person und erhofften uns ein entsprechendes Service. Leider bekamen wir nur sehr wenig zu essen und trinken, kein Vergleich mit dem Afternoon Tea im Imperial in Delhi, das ich im Vorjahr mit Stephan genossen hatte, dafür hatten wir den Raum für uns alleine, mit offenem Feuer und alten Fotobüchern.
Besonders gefiel uns die Stadt Darjeeling nicht, viele indische Touristen, viel Schmutz, kalte Lokale...
Wir erkundeten die Gegend, besuchten das tibetische Selbsthilfezentrum, ein Kloster und planten einen fünftägigen Trek.
Für den Singalila Trek mussten wir uns einen Guide nehmen, einen Träger wollten wir auch. Insgesamt bezahlten wir für diese fünf Tage € 513,-  (in Euro) für die zweieinhalbstündige Fahrt zum Ausgangspunkt, Führer, Träger, Übernachtungen mit Frühstück, Mittag- und Abendessen und fünfstündige Fahrt zurück. Wenn wir alles einzeln organisiert hätten, wäre es billiger gewesen, aber wir genossen dieses Mal das "Inclusive Paket" ;).
Der Trek ist insgesamt ca. 83 km lang und man geht von 2100 m auf 3660 m, immer wieder auf und ab,  es war eine sehr schöne Wanderung aber auch sehr anstrengend (täglich 6 - 7 Stunden).
Der Weg führte über weite Strecken entlang der Grenze zu Nepal, aus diesem Grund gab es immer wieder Checkpoints.  Die erste Nacht verbrachten wir überhaupt in Nepal.
Leider war der Weg oft ein mit großen Steinen gepflasterter Weg, auf dem auch Jeeps fuhren,  die vorwiegend indischen Touristen beförderten.
Nur 20 % der indischen Touristen wandern, der Rest lässt sich fahren. Bei den ausländischen Touristen ist das Verhältnis umgekehrt. Es waren allerdings nicht mehr als 10 Autos pro Tag, während der Hochsaison im Oktober wird das sicher anders sein.
Die Unterkünfte waren natürlich einfachst und saukalt. Nur einmal bekamen wir im Essraum eine große Blechschüssel mit glühenden Holzkohlen zum Wärmen, zum Schlafen gab es aber immer eine Wärmflasche. In der zweiten Nacht hatte Josefs Flasche ein kleines Loch und in der Nacht wurde er munter, da seine Füße im kalten Nass lagen :(.
Die Tage waren warm und wir hatten wunderbares Wetter und traumhafte Sicht. Die Aussicht war überhaupt das Beste am ganzen Trek. Immer wieder hatten wir das Massiv des Khanchenzonga (mit 8590 m dritthöchster Berg der Welt und höchster Berg Indiens) und etwas weiter entfernt
das Mount Everest Massiv vor uns (daher auch so viele Fotos vom Khanchenzonga), das wäre wirklich etwas für Papa!
Nach diesen fünf Tagen schliefen wir noch eine Nacht in der Stadt Darjeeling und fuhren dann mit einem Sammeljeep nach Kalimpong, der Blumenstadt in Darjeeling. Hier wohnen wir für drei Nächte im Homestay "Holumba Haven", eine gemütliche Unterkunft, umgeben von einem Garten mit vielen Blumen, Hunden, Katzen und Hühnern.
Der Ort ist nicht so schmutzig und es gibt nur wenige Touristen. In den Shops kann man stöbern ohne zu einem Kauf gedrängt zu werden, es ist wirklich angenehm hier. Wir haben eine kleine Papierfabrik besucht, die insektenfestes Papier für die Klöster herstellt und Briefpapier gekauft, das auch unter den KommentarschreiberInnen verlost werden wird ;). Ich habe mit etwas Indisches zum Anziehen gekauft, da ich hauptsächlich Trekkingkleidung mithabe und wir in den nächsten Wochen in wärmeren Gegenden unterwegs sein werden, aber vor allem, weil Josef möchte, dass ich auf den Fotos mal etwas anderes anhabe ;).
Morgen soll es weitergehen nach Bodhgaya, zuerst mit dem Bus drei Stunden zum Bahnhof und danach mit dem Zug über Nacht nach Patna und von dort wieder mit dem Bus nach Bodhgaya. Jetzt haben wir aber gerade gehört, dass morgen in Westbengalen alle Transportunternehmen streiken werden, es sollen keine Busse, Züge etc. fahren. Keine Ahnung wie es weitergehen wird, die Zugkarte ist schon gekauft, das Hostel reserviert, mal sehen. Indien ist für uns heuer etwas schwierig zu bereisen.




Darjeeling - Blick aus dem Hotelzimmer




Darjeeling


Warten vor dem Bankomat





Kirche in Darjeeling










Lord and Lady R beim High Tea im Windamere House



Kinder in Darjeeling












Im tibetischen Selbsthilfezentrum



Singalila-Trek 




Grenzstein Indien-Nepal



In einem Dorf in Nepal










Abendstimmung




Kanchenzonga 8590 m




Mount Everest 8848 m




Kanchenzonga



Homestay - während des Singalila-Treks








Lunch
















Luxusunterkunft auf 3600 m



Abstieg durch interessante Wälder









Ausgangs- und Endpunkt des Singalila-Treks



Wochenmarkt in Kalimpong


















Freitag, 18. November 2016


Kritischer Bericht einer Chinareise


Bei unserer Reise wird nun vieles zur Routine, das verspürten wir verstärkt in den letzten Wochen in China. Hat jedoch gar nichts mit China zu tun, sondern ganz einfach mit der nun schon sehr langen Dauer unseres „Ausflugs“.  Nach 4 Monaten auf Achse wird das meiste zur Selbstverständlichkeit, man hinterfragt vieles nicht mehr, man tut es. Es wird so was von normal jeden 2., 3.oder 4. Tag den Rucksack zu packen, Geplantes  zu verwerfen, neue Reiserouten zu planen, stundenlang oder über Nacht mit Bus oder Zug unterwegs zu sein, neugierig und gespannt, wieder einen anderen Ort anzufahren. 

So manches, was am Anfang ein Problem war, ist nun halb so schlimm. Hier einige Beispiele aus meinem Alltag:  

Auch in harten Betten oder auf Brettern kann man gut schlafen - zu Hause nichts zu machen.
Zu scharfes Essen - schmeckt hier sogar zum Frühstück.
Warmes Bier - Hauptsache es gibt welches.
Sogar koffeinhaltiger Kaffee scheint kein Problem zu sein.
Haarwaschen und kein Föhn wenns draußen kalt ist - denk ich gar nicht mehr darüber nach
Laufsport wöchentlich betreiben - wofür, ich beweg mich so auch genug. 
ohne Bergsteigen keine Freude - muss nicht unbedingt sein, gibt auch was anderes im Leben. (lässt Renate gerade noch als Notlüge gelten) 
Vorfreude auf den Winter, Skitourengehen mit Freunden - das tut schon ein wenig weh ……..

Also, es ist und bleibt aufregend und spannend. Jeden Tag aufs neue - es ist wie eine Sucht, eine Sucht auf der Suche nach der Fremde. Meine Befürchtungen, nach einiger Zeit gesättigt zu sein, das Erlebte nicht ausreichend genug verarbeiten zu können und daher für Neues nicht mehr bereit zu sein, haben sich nicht bestätigt. 
Im Gegenteil, der Drang Neues zu entdecken ist ungebrochen. Und die Erkenntnis doch vieles nicht gesehen zu haben ist nun vor allem in China unübersehbar. Denn China ist groß, vielfältig in Natur und Landschaft, vielfältig in der Kultur und der Menschen die hier leben. 
Und somit bin ich bei China angelangt und stelle die erste von zwei Fragen an mich: Ist China eine Reise wert? 

In einem Reiseführer für individuelles Reisen stand (sinngemäß) geschrieben: Will man China individuell bereisen, so muss man damit  rechnen, dass alles was schiefgehen kann auch schiefgehen wird. Man wird die Erfahrung machen, dass sogar jenes, von dem man nie glaubt, dass es schiefgehen kann, schiefgehen wird. 

Mit dieser negativen Einstellung überschritten  wir die Grenze und die ersten Tage in China schien der Autor des Reiseführers recht zu haben. Am Grenzübergang, wie berichtet ein Aufenthalt von 5 Stunden mitten in der Nacht, die WC´s ohne Vorwarnung zugesperrt, aussteigen streng verboten. Wer aufs Klo gehen musste, hatte einfach Pech. In Soldatenmanier durchschritten die Grenzbeamten streng die Waggons und durchsuchten das Gepäck und die Abteile mit finsterer Miene. 
In Peking versuchten wir die ersten Tage umsonst bei allen möglichen Bankomaten Geld abzuheben. Ohne Erfolg.
Von der Mongolei übrig gebliebene Währung wurde in den Banken lächelnd bestaunt und bewundert, jedoch keine Spur einer Möglichkeit, diese in Yuan umzutauschen. Wie wenns den Nachbar Mongolei gar nicht gäbe. Gott sei Dank hatten wir Euros zum Wechseln mit. 
Kein Zugriff auf viele Seiten und Plattformen im Internet wie zum Beispiel Facebook und Googledienste. So auch die für uns wichtige Website für unseren Reiseblog, 
Am ersten Abend am Tian´ anmenplatz, tausende Menschen, meist Chinesen selbst,  und wir verfolgten dort die (stinklangweilige) Fahnenzeremonie vor der „Verbotenen Stadt“.  Unmittelbar nach dem Ende des Theaters wurde der Platz mit für uns unglaublicher militärischer Vorgangsweise in wenigen Minuten mit Hilfe von Soldaten und Militärfahrzeugen restriktiv geräumt und abgesperrt.
Am nächsten Tag erfolgloser Versuch in mindestens 5 Spitälern eine Hepatitis B Impfung für mich zu bekommen. War nur in einem einzigen Spital möglich, welches privat geführt wurde, möglich, die Arztkosten dafür von 240€ (ohne Impfstoff) waren mir dann doch zu teuer. 
Des weiteren war es nicht möglich in der Indischen Botschaft zeitgerecht ein Visum für Indien zu erhalten. 
Die ersten Tage waren also ernüchternd. 

Doch in weiterer Folge lief das meiste nicht mehr so mühsam über die Bühne, wir hatten die ersten Tage einfach nur Pech, dass es ein allgemeines Problem mit den ausländischen Bankomatkassen gegeben hatte, das Militär ist nur an bestimmten Orten wirklich präsent und fällt sonst kaum auf, das lästige Internetproblem lösten wir technisch mit einem VPN Tunnel. 
Busreisen, Flug oder Zugreisen sind relativ unkompliziert zu buchen und durchzuführen. Natürlich werden so wie wir, nur wenige westlicher Besucher der chinesischen Sprache oder Schrift mächtig sein, aber auch dies ist kaum ein Problem, denn die Leute sind wirklich sehr hilfsbereit, irgendwer findet sich schon, welcher englisch spricht und einem weiterhelfen kann. In chinesischer Sprache wird das Gewünschte auf einen Zettel geschrieben und so kann man weiteren Personen leichter mitteilen, was man will. In den entlegeneren Gebieten im Westen ist es manchmal schon schwieriger. Da es jedoch im östlichen  China modern geworden zu scheint den entlegeneren Westen zu bereisen, wird einem auch hier oft und gerne weitergeholfen. 

So, nun muss ich jedoch zugeben, dass die letzten Zeilen wahrscheinlich auch nur die halbe Wahrheit sind. An meiner Seite habe ich nämlich ein Organisationstalent, welches alles fest im Griff hat. Renate kümmert sich um die Transfers, versucht stundenlang im Internet günstige und trotzdem komfortable Unterkünfte in angenehmer Lage zu finden, kümmert sich um Stornierungen, hilft mir aus der Patsche wenn ich was verbockt habe usw….. Also ganz so leicht wie es mir manchmal vorkommt ist es nun vielleicht doch nicht.

So nebenbei eine Information: In China gibt es keinen Urlaub, so wir wir ihn kennen. Sie haben einfach 2 Tage pro Woche frei und können sich diese Tage über einen längeren Zeitraum zusammensparen. Zusätzlich gibt es eine allgemeine nationale Urlaubswoche in der ersten Oktoberwoche, welche sehr viele zum Verreisen nutzen. In dieser Woche unterwegs zu sein ist so was von nicht empfehlenswert ……...

Taxis in der Stadt können ein eigenes Thema sein. Da die Preise dafür wirklich sehr billig sind - meist so zwischen 1,5 und 3 Euro - werden kurze Fahrten oft abgelehnt. Wir haben uns daher damit abgeholfen, uns frech einfach zuerst einmal mitsamt dem Gepäck im Auto zu verstauen und erst danach unser Reiseziel bekanntgegeben. Ist jedoch schon passiert, dass der Fahrer des Wagens danach mürrisch und schimpfend wie ein Rohrspatz  (erfolglos) versucht hat, uns trotz Regen und Mitternacht auf ein TukTuk umzuladen. Noch so beschwichtigende Worte konnten ihn nicht beruhigen, mit einer Wut im Bauch raste er wie Nicki Lauda in seinen besten Zeiten dem Ziel entgegen. Erst nachdem wir - er war ja wirklich schnell - sein Preisgeld auf 3 Euro verdoppelt hatten, wurde seine Stimmung und Laune uns gegenüber wieder freundlicher. 

Bewegt man sich, so wie wir die ersten 4 Wochen in China, von einer Großstadt zur anderen, so wird man die Erfahrung machen, dass es nicht leicht ist sich aus der Umklammerung der Stadt zu lösen. Die Gründe sind vielfältig. Zuerst will man einmal „ankommen" und sich neu akklimatisieren. Jede Stadt hat ihren eigenen Charakter und meist gibt es auch in der Stadt vieles zu besichtigen. Kulturelle oder landschaftlich sehenswerte Gegenden weiter außerhalb der Stadt zu erkunden ist oft mit einem hohen Aufwand verbunden. Zug oder Busticket meist am Vortag besorgen, von welchem Bahnhof muss man wegfahren, wie komme ich von dort zum angestrebten Ziel, wie und wann komme ich zurück ……..
Bucht man organisiert einen Ausflug zu einer Sehenswürdigkeit, so sitzt man meist länger im Bus/Zug als man dann für das eigentliche Ziel Zeit hat. Auch nicht gut, zumindest ist das für uns keine Option.
Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es effektiver gewesen wäre, sich auf weniger Provinzen zu konzentrieren. So nach dem Motto "weniger ist mehr". Schmökert man jedoch in dem mit Informationen prall gefüllten Reiseführer, so hat man die Qual der Wahl, alles klingt unheimlich gut, auf nichts will man verzichten. 

Aber das ist es ja eigentlich gar nicht, was ich schreiben wollte, ich wollte mich heute einfach mit den in China gemachten Erfahrungen beschäftigen. 
Ich möchte aber betonen, dass die ersten vier der folgenden Punkte auf keinen Fall eine Kritik an China, deren Kultur oder Menschen darstellen, ich will nur niederschreiben wie ich persönlich China erlebt habe. Jedes Land hat seine eigene Vergangenheit, seine eigene Kultur und (noch) seine eigene Individualität. Das alles zu erfahren ist für mich einer der Hauptgründe, ein fernes Land zu besuchen. 

Da der Eindruck einer Reise immer auch sehr stark vom Wetter bestimmt wird, fange ich mit dem Wetter an. Relativ schön und für Mitte Oktober auch angenehm warm östlich von Peking. Danach, Ende Oktober, unbeständig und trüb mit manchen Regentagen  im Südwesten, meist dunkelblauer Himmel aber kalt in den Bergen an der Grenze zu Tibet auf über 3000m Höhe. Auch die schon dünne Luft kann einem hier zu schaffen machen.  In Peking aber auch in den anderen Städten oft versmogt und der Himmel grau in grau. Umweltbewusstsein und Umweltzerstörung sind jedoch eigene gewichtige Themen, welche ich am Ende des Beitrages erwähnen werde. 

Essen, von Region zu Region verschieden, aber meist sehr gut. Die Esskultur, damit meine ich wie sie das Gekochte verzehren, ist oft ein unglaubliches Gelage und sehr ähnlich dem was wir unter Ritteressen verstehen, nur halt mit Stäbchen. Täglich konnte ich beobachten, dass auch den Chinesen das Essen mit Stäbchen nicht so leicht fällt, trotz jahrelanger Übung. Man glaubt nicht, was da alles wieder fallen gelassen wird. Zusätzlich wird das, was nicht schmeckt einfach wieder auf den Tisch gespuckt, zugegeben nicht immer, aber man kann es oft beobachten. Sitzen 6 Personen an einen Tisch zum Abendessen so könnte danach sicher ein weiterer mit dem, was neben den Tellern, auf dem Boden oder Tisch liegt satt werden. Zusätzlich wird geschmatzt, gespuckt und gerülpst was das Zeug hält. Andere Länder, andere Sitten. 

Hilfsbereit sind sie, die Chinesen. Rührend kümmern sie sich um die oft ratlosen Touristen, bis das Problem gelöst ist. Wirklich freundlich und nett ist fast jeder für sich, wenn alleine,  aber in der Menge ab 2 Personen sind sie einfach nur laut. Laut in jeder Lebenssituation, sei es beim Telefonieren, beim Wandern, beim Essen, beim Kommunizieren miteinander. Aus jeder Ecke steht ein Lautsprecher, aus dem mittels eines Tonbandes in einer den Verkehr übertönenden Lautstärke Informationen oder Waren angeboten werden. In einer Leier den ganzen Tag. Nicht nur in der Stadt, auch in abgelegeneren Gebieten gibt es diese Beschallung. Stille scheint ungesund zu sein, wird als unangenehm empfunden. 

Handy ist auch ein eigenes Thema. Ich habe noch nirgends so eine Dichte an Handys gesehen. Ich glaube, die Chinesen werden mit einem Handy geboren.  Und diese Geräte werden benutzt, jeden nur erdenklichen Augenblick. Teilweise sind sie sogar mit 2 Phones unterwegs, mit dem einem wird telefoniert auf dem anderen gleichzeitig gespielt, gechattet oder sonst was gemacht.  99,9 % Personen einer übervollen U-Bahn in Peking starren ständig auf das kleine Display, immer, viele sogar auch beim Aussteigen und Gehen.  Man ist selbstverliebt, macht unzählige Fotos von sich selbst, bestaunt das Foto minutenlang um dann ein weiteres Selfi zu machen. Selbst geschminkt wird nicht mit Hilfe eines Spiegels sondern mit Hilfe der Kamera des Handys, um dann sofort ein Photo des Ergebnisses zu machen. 
Aber ist ja auch jedem seine eigene Sache, jedoch wird das Ganze bereits zu einem gesellschaftlichen Problem. Die jungen Leute haben bereits verlernt, sich miteinander zu unterhalten. Ein Familienvater mit 2 jungen Töchtern erzählt uns, dass die beiden Konflikte nicht mehr persönlich austragen können, sie können sich nicht in die Augen schauen und „regeln" alles nur mehr übers Handy.
Firmen haben Probleme Personal zu finden, welches sich noch halbsweg mit der Kundschaft unterhalten kann. 
Kinder und Jugendliche kämpfen bereits häufig mit Haltungsschäden durch das tägliche stundenlange nach unten auf das Handy gucken. 

Wie früher bereits erwähnt hatten wir Tibet nicht eingeplant zu besuchen. Zu teuer und zu aufwändig wäre es für uns gewesen, das Gebiet zu bereisen. Ein 3 wöchiger Aufenthalt inklusive Trek rund um den heiligen Berg Kailash hätte uns über 8000,- € gekostet. Wie wir jedoch auch schon in Sichuan im Grenzgebiet zu Tibet  gesehen haben, sind die kulturellen und religiösen Unterschiede zum restlichen China immens. GO WEST ist ein von der Regierung ausgegebener Slogan und soll die im Osten lebenden Einwohner bewegen, den Westen des Landes zu besuchen. Und sie befolgen die Aufforderung.  Laut, unsensibel, mit  vielen tausend Euro teuren Photoausrüstungen dringen sie in die spirituelle, buddhistische Bergwelt ein, Mensch, Tempel und Umwelt werden distanzlos aus nächster Nähe abgelichtet, bevor sie busweise die Gegend wieder verlassen.
Die jüngste Geschichte Tibets ist eine leidvolle. Im Oktober 1950 annektierte China Tibet und betrachtet es seit dem als Teil des Landes. Und die restliche Welt schaut zu, besser gesagt schaut scheinheilig weg,  ist doch China wirtschaftlich ein bedeutendes Land … .
Eine Zusammenfassung der Geschichte und des Schicksals Tibets findet man unter anderen unter http://www.planet-wissen.de/kultur/asien/tibet/ .

Umweltzerstörung - diesen Punkt als Kritik zu verstehen wäre viel zu wenig, nein, das ist eine Anklage. Was in China mit der Umwelt passiert ist wahrscheinlich weltweit einzigartig krank.  Um die Wirtschaft anzukurbeln wird gebaut was das Zeug hält, nicht nur Peking erstickt dadurch täglich im Smog, auch alle anderen Millionenstädte zeigen sich fast täglich grau in grau. Aber China denkt anders, in anderen Dimensionen. Laut eines Berichtes im Internet will Peking sich mit 3 umliegenden Millionenstädten vereinen und so in Zukunft zu einer 200 Millionenstadt wachsen. Noch gibt es jedoch zu wenig ausländische Investoren, welche dieses Projekt unterstützen - wegen nicht gelöster Umweltfragen. 
Weltkulturerbestätten sind für mich ein eigenes Thema. Auch in Europa wird eine in die Liste der Welterbe eingetragene Stätte oft für den Tourismus missbraucht und anstatt das Erbe zu schützen wird es von Touristen zertrampelt. So auch in China, jedoch um ein Vielfaches mehr. Ein Beispiel von unendlich vielen, der heilige Berg Thai Shan - einer der fünf heiligsten Berge in China. Es reicht jetzt nicht nur eine Seilbahn auf diesen sowieso schon völlig überlaufenen Berg zu bauen, nein, von 3 Seiten aus kann man mit einer Seilbahn den Berg erreichen. Weltkulturerbe - welche Vorschriften müssen hier eingehalten werden und wer kontrolliert sie? 
Die meisten Städte mutieren zu Millionenmetropolen, sogar ehemalige Dörfer in Bergtälern werden zu Großstädten - wie zum Beispiel Kangding. Mehr als 150.000 Menschen sollen bereits hier im Korsett der Berge leben und der Wahnsinn ist noch lange nicht vorbei. Das enge Tal bietet scheinbar noch genug Platz für weitere Hochhäuser, vorerst muss jedoch durch eine enge Schlucht von 200 km eine breite Autobahn gebaut werden, da ja die vielen Leute auch mit notwendigen und weniger notwendigen Dingen versorgt werden müssen. Und natürlich mit genug Elektrizität.
Es gibt in ganz China nur mehr 2 Flüsse, welche nicht für die Gewinnung von Strom aufgestaut wurden. Meist wird das gesamte Wasser nach einer Staustufe weiter umgeleitet zu einer weiteren Staustufe, von einem gewissen Prozentsatz Restwasser, der für die Erhaltung des Flusses notwendig wäre, hat man hier noch nichts gehört. Immer wieder sieht man am Stadtrand, am Land oder in den Bergen ausgetrocknete Flussläufe. Maximal ein Rinnsal bleibt übrig, gespeist durch die Tränen der Fische, welche vor einigen Jahren hier noch ein Paradies vorfanden und dem Angstschweiß des Wildbaches, welcher um sein Überleben kämpft. 
Wie übergroße Soldaten einer Wehrmacht überwachen die eisernen Strommasten das ganze Land, Hochspannungsleitungen überspannen Täler, Bergrücken, nehmen keine Rücksicht auf lebenswerte Landschaften, Kulturgüter oder Klöster.  Ästhetik scheint ein Fremdwort zu sein, gibt es nicht in der chinesischer Sprache. 
Auch weniger Sensible werden nachdenklich werden, wenn sie diese unglaubliche Zerstörungswut sehen. Nur wieder gutzumachen, wenn es die Menschheit nicht mehr gibt. Doch in China sieht man das derzeit noch anders, vor allem die jungen Leute werden geblendet vom zweistelligen Wirtschaftswachstum und dem dadurch möglich gewordenen Wohlstand. Außerdem, die Regierung deswegen zu kritisieren kann sehr gefährlich werden. 
Ein einziger wirklich positiver Punkt zum Thema Umwelt ist mir aufgefallen: Es gibt keine mit Treibstoff, wie Benzin und Diesel betriebenen Mopeds, Rickschas oder ähnliche kleine Fortbewegungsmittel mehr, sie sind alle batteriebetrieben unterwegs. Die gestank-  und lärmgeplagten Bewohner werden dadurch etwas entlastet. 

Somit komme ich nun zurück zu meiner mir am Anfang des Beitrages gestellte Frage: Ist China eine Reise wert -  die Antwort ist ein klares JA  haben wir doch vieles erlebt, nette Menschen getroffen, auch viel Schönes und Interessantes gesehen, eine andere Kultur kennengelernt. 

Nun zu der zweiten angedeutete Frage: Ist China für mich eine zweite Reise wert? Ich glaube nein, zu sehr stört mich die nicht übersehbare, rücksichtslose Umweltvernichtung, welche weiter fortschreiten und das Land zerstören wird. Und nicht zuletzt die unglaubliche Ignoranz gegenüber anderen Kulturen und die sukzessive Zerstörung derer sowohl im eigenen Land als auch zunehmend in vielen anderen Teilen unserer Welt.    

"Einmal kein Fortschritt - das wäre einer“  (Peter Rossenger)